Ist mein Golf wirklich so schlecht oder bin ich nur zu kurz?

Ist mein Golf wirklich so schlecht oder bin ich nur zu kurz?

Es gibt im Golf eine Gemeinheit, über die erstaunlich selten wirklich sauber gesprochen wird.

Sie lautet: Manche Golfer werden von diesem Spiel doppelt bestraft.

Einmal ganz real auf dem Platz. Und dann noch einmal in der Bewertung ihres Spiels.

Denn wer den Ball nicht weit schlägt, hat nicht nur längere Schläge ins Grün. Er hat meistens auch die schlechteren Winkel, die längeren Eisen, die schwierigeren Annäherungen und die höhere Wahrscheinlichkeit, auf dem Papier wie ein eher mittelprächtiger Golfer auszusehen.

Und genau da beginnt der Denkfehler.

Denn vielleicht ist dein Golf gar nicht so schlecht.

Vielleicht bist du einfach nur zu kurz.

Golf tut gern so, als sei alles eine Frage von Können

Das ist ja das Elegante an diesem Sport.

Am Ende steht eine Zahl auf der Karte, und diese Zahl wirkt herrlich objektiv. 89 ist 89. 96 ist 96. 102 ist 102. Da gibt es kein Haltungsnoten-Golf, kein „eigentlich ganz ordentlich für seine körperlichen Voraussetzungen“, kein Bonusprogramm für Menschen mit überschaubarer Explosivität aus Hüfte und Bodenreaktionskraft.

Golf ist da brutal nüchtern.

Und natürlich ist das auch ein Teil seines Reizes.

Nur hat diese Nüchternheit einen Haken: Sie tut so, als seien die Voraussetzungen halbwegs gleich verteilt.

Sind sie aber nicht.

Wer kürzer schlägt, spielt faktisch einen anderen Sport als jemand, der auf derselben Bahn permanent 30 oder 40 Meter weiter vorne liegt.

Nicht komplett anderen Golf. Aber doch Golf unter anderen Bedingungen.

Länge ist nicht alles. Aber sie verändert fast alles

Natürlich ist Distanz nicht der einzige Maßstab.

Man kann lang sein und trotzdem Golf spielen wie ein überehrgeiziger Laubbläser im Wind. Man kann kurz sein und ein fantastisches kurzes Spiel haben, gute Entscheidungen treffen, kaum Bälle verlieren und Runden zusammenhalten, die deutlich besser sind als das Spektakel mancher Longhitter.

Aber trotzdem bleibt Länge ein gewaltiger Vorteil.

Nicht, weil der Abschlag an sich so schön anzusehen wäre. Sondern weil Länge die gesamte Architektur eines Lochs verändert.

Wer weit schlägt, hat häufiger:

  • kürzere Schläge ins Grün
  • mehr Wedges und kurze Eisen in der Hand
  • bessere Chancen, Hindernisse zu überspielen
  • mehr Fehlertoleranz bei Annäherungen
  • mehr echte Birdie-Chancen

Wer kurz schlägt, hat häufiger:

  • lange Eisen oder Hybrids ins Grün
  • flachere Landewinkel
  • weniger Spin und weniger Stopppower
  • mehr Druck auf Chippen und Putten
  • das Gefühl, schon vor dem zweiten Schlag leicht benachteiligt zu sein

Das ist nicht Jammern. Das ist Geometrie.

Der kurze Golfer muss oft bessere Schläge machen, um das gleiche Ergebnis zu erzielen

Genau darin liegt die eigentliche Ungerechtigkeit.

Der lange Spieler darf sich nach einem ordentlichen Drive oft mit einem Wedge oder kurzen Eisen Richtung Fahne beschäftigen.

Der kurze Spieler steht nach einem ebenfalls ordentlichen Drive gern noch 30, 40 oder 50 Meter weiter hinten und soll jetzt mit Hybrid, Holz oder langem Eisen ungefähr dieselbe Aufgabe lösen.

Das ist natürlich nicht dieselbe Aufgabe.

Es ist, als würde man zwei Leuten denselben Test geben, dem einen aber mit Lesebrille und dem anderen mit beschlagener Taucherbrille.

Beide schreiben zwar denselben Test.

Aber man sollte sich hinterher nicht zu schnell wundern, warum die Ergebnisse leicht auseinanderlaufen.

Handicap ist hilfreich. Aber nicht frei von Gemeinheiten

Natürlich könnte man jetzt sagen: Dafür gibt es doch Handicap. Genau das soll solche Unterschiede ja auffangen.

Stimmt auch. Bis zu einem gewissen Punkt.

Das Handicap ist im Kern ein ziemlich kluges System, weil es Unterschiede in Spielstärke über viele Runden halbwegs fair vergleichbar macht.

Aber es misst eben trotzdem am Ende Scoring-Ergebnis und nicht die Frage, wie gut jemand innerhalb seiner körperlichen Möglichkeiten eigentlich Golf spielt.

Und das ist ein Unterschied.

Denn zwei Golfer können technisch, taktisch und mental ziemlich unterschiedlich stark sein, obwohl auf der Karte am Ende ähnliche Zahlen stehen.

Oder andersrum: Ein Golfer kann gemessen an seinem Körper, seiner Beweglichkeit, seinem Alter und seiner fehlenden Länge erstaunlich gutes Golf spielen, ohne dass das in seiner Zahl auf der Scorekarte besonders großzügig gewürdigt wird.

Der Fliegengewicht-Boxer ist nicht automatisch schlecht

Genau deshalb gefällt mir der Vergleich mit dem Boxen so gut.

Ist ein Fliegengewicht ein schlechter Boxer, weil er dauernd gegen Heavyweights verliert?

Natürlich nicht.

Er ist vielleicht technisch hervorragend, schnell, clever, präzise und mutig.

Er tritt nur unter Bedingungen an, in denen Masse und Reichweite brutal relevant sind.

Golf tut gern so, als gäbe es diese Gewichtsklassen nicht.

Aber in Wahrheit gibt es sie natürlich. Sie heißen nur nicht Fliegengewicht und Schwergewicht, sondern Ballspeed, Carry, Launch, Spin und Landewinkel.

Und wer in diesen Kategorien naturgemäß weniger mitbringt, spielt eben nicht automatisch schlechteres Golf. Er spielt oft nur Golf mit schlechteren Waffen.

Die bittere Wahrheit: Daran lässt sich oft gar nicht so wahnsinnig viel ändern

Das ist der Punkt, an dem die schöne Fitness-Optimierungsindustrie gern kurz hektisch wird.

Natürlich kann man an Beweglichkeit arbeiten. Natürlich kann man Kraft aufbauen. Natürlich kann man effizienter schwingen. Und selbstverständlich kann fast jeder irgendwo noch ein paar Meter finden.

Aber dieses ewige Gerede, man müsse halt nur mal konsequent an seiner Explosivität, Rotationsgeschwindigkeit, Hüftmobilität und Kraftkette arbeiten, hat auch etwas latent Unsoziales.

Die meisten Menschen wollen am Wochenende Golf spielen.

Nicht nebenbei noch ein halbprofessionelles Athletikprogramm starten, das klingt, als bereite man sich auf eine Saison in der zweiten Bundesliga der Speerwerfer vor.

Viele haben Beruf, Familie, Rücken, Alter, begrenzte Zeit oder einfach keine Lust, jeden freien Samstag zwischen Kettlebell und Medizinball zu verbringen, nur um mit dem Driver vielleicht irgendwann neun Meter mehr zu produzieren.

Und ganz ehrlich: Das ist auch vollkommen legitim.

Vielleicht ist die falsche Frage, ob dein Golf schlecht ist

Vielleicht sollte die interessanteste Frage gar nicht lauten:

Wie weit schlage ich den Ball?

Sondern eher:

Wie gut spiele ich mit dem, was ich habe?

Das ist im Grunde die fairere, intelligentere und menschlichere Golf-Frage.

Denn am Ende will man ja wissen, wie gut man Golf spielen kann.

Dass man nicht besonders weit schlägt, weiß man meistens auch so. Dafür braucht man weder Trackman noch spöttische Mitspieler noch das fünfte YouTube-Video eines 27-jährigen Long-Drive-Nebendarstellers mit Core-Programm.

Die interessantere Leistung ist doch:

  • Wie konstant triffst du den Ball?
  • Wie vernünftig managst du den Platz?
  • Wie gut ist dein kurzes Spiel?
  • Wie wenig dumme Fehler machst du?
  • Wie stabil bleibst du mental, obwohl du weißt, dass dir auf vielen Löchern schlicht ein physischer Vorteil fehlt?

Das sind echte Golfqualitäten.

Und sie verschwinden nicht einfach deshalb, weil jemand anders mit einem 8er-Eisen dort hinspielt, wo du ein Hybrid brauchst.

Kurze Spieler entwickeln oft die interessanteren Kompetenzen

Es ist ohnehin auffällig, dass kürzere Golfer sich viele Fähigkeiten härter erarbeiten müssen.

Sie lernen oft früher:

  • sich keine heroischen Unsinnsschläge einzureden
  • Ziele realistischer zu wählen
  • Layups als Zeichen von Vernunft zu akzeptieren
  • ihr kurzes Spiel zu pflegen
  • sauber zu pitchen, zu chippen und zu putten
  • aus begrenzter Länge möglichst wenig Zusatzschaden entstehen zu lassen

Das ist nicht glamourös.

Aber es ist häufig ziemlich gutes Golf.

Man könnte sogar böse sagen: Viele kurze Golfer verstehen das Spiel tiefer, weil sie gar nicht die Möglichkeit haben, jede strategische Dummheit mit schierer Länge wieder zuzuschütten.

Das Problem ist nicht nur sportlich. Es ist auch kulturell

Golf bewundert Länge.

Das tut fast jeder Sport. Wucht, Tempo, Explosivität, Gewaltfreiheit mit Gewaltpotenzial, all das sieht erstmal sexy aus. Ein langer Drive ist eben das Sportgerät-Äquivalent zu einem gut geschnittenen Mantel oder einem V12, den man natürlich eigentlich gar nicht braucht, aber trotzdem kurz bewundert.

Kein Mensch stellt sich an die Range und sagt entzückt:

„Schau mal, wie erwachsen und vernünftig dieser Mann hier gerade seine 148 Meter Carry verwaltet.“

Golfkultur ist voller Distanz-Eitelkeit.

Genau deshalb fühlen sich kürzere Spieler oft automatisch wie Golfer zweiter Klasse, obwohl sie womöglich wesentlich kompletter spielen, als ihnen selbst klar ist.

Mein Verdacht

Ich glaube, viele Golfer halten sich für schlechter, als sie in Wahrheit sind, weil sie zwei Dinge ständig miteinander verwechseln:

  • athletisches Potenzial
  • spielerische Qualität

Das ist nicht dasselbe.

Wer weit schlägt, hat oft mehr Potenzial, niedriger zu scoren. Keine Frage.

Aber wer trotz begrenzter Länge ordentlich scored, klug entscheidet, den Ball im Spiel hält und aus seinem Paket etwas Sinnvolles macht, spielt vielleicht nicht spektakuläreres Golf, aber ziemlich sicher besseres, als ihm selbst eingeredet wird.

Fazit

Wird der kurze Golfer doppelt bestraft?

Ich fürchte: ja.

Einmal durch die reale Statik des Spiels. Und einmal durch die Art, wie wir gutes Golf fast immer über Ergebnis und Länge mitdenken.

Natürlich bleibt Scoring die Wahrheit dieses Sports. Daran führt nichts vorbei.

Aber wenn man ehrlich wissen will, wie gut jemand Golf spielen kann, dann reicht es nicht, nur auf die Zahl zu schauen und so zu tun, als seien alle unter denselben Bedingungen unterwegs.

Manchmal ist jemand kein schlechter Golfer.

Manchmal ist er einfach nur zu kurz.

Und dafür schlägt er sich womöglich erstaunlich gut.