Ich frage mich beim Golf ja seit Jahren, ob irgendwo nicht doch noch dieser eine Gedanke herumliegt, der alles plötzlich sortiert.
Also nicht nur für drei Range-Bälle und einen zufällig gelungenen 7er-Eisen-Schlag, sondern richtig. Dauerhaft. Belastbar. Alltagstauglich. So, dass man am Ende vielleicht wirklich das Gefühl hat: Jetzt habe ich verstanden, wie oder an was ich auf dem Platz denken muss.
Oder eben nicht denken muss.
Denn ganz ehrlich: Mein Score pendelt seit Jahren mit erstaunlicher Zuverlässigkeit irgendwo zwischen 85 und 95 herum. Fast so, als hätte irgendjemand beschlossen, dass dort mein natürliches Golf-Biotop liegt. Natürlich mit ein paar Ausnahmen nach oben und unten. Aber die Tendenz ist ungefähr so beweglich wie ein Findling.
Arnold Palmer hat mal gesagt: „Golf is a game of inches. The most important are the six inches between your ears“. Und wir alle können das ja irgendwie bestätigen. Vor allem dann, wenn ein „verkopfter Schwung“ mal wieder alles versaut hat.
Deshalb finde ich die Frage spannend, ob man sich über das Denken auf dem Golfplatz tatsächlich an besseres Golf herantasten kann – oder ob das am Ende nur die etwas elegantere Form ist, sich sein eigenes Elend zu erklären.
Kahneman auf dem Golfplatz? Klingt erstmal verdächtig schlau
Es gibt ja dieses bekannte Modell von Daniel Kahneman: schnelles Denken und langsames Denken.
Also grob gesagt:
- das schnelle, intuitive, automatische Denken
- und das langsame, kontrollierte, analytische Denken
Mit Golf hatte Kahneman erstmal nichts zu tun. Aber wie so oft bei solchen Modellen ist sofort der Reiz da, es auf den Sport zu übertragen. Denn auf dem Platz kennt wahrscheinlich jeder diesen inneren Konflikt:
Denke ich gerade zu viel? Oder denke ich vielleicht sogar zu wenig? Soll ich vertrauen? Soll ich kontrollieren? Soll ich fühlen? Oder soll ich mir vor dem Schlag noch schnell alles kaputtrechnen?
Golf bietet ja leider unendlich viele Möglichkeiten, sich genau im falschen Moment mit sich selbst zu beschäftigen.
Im Fußball oder Tennis habe ich gar keine Zeit mir lang und breit Gedanken über den Schlag zu machen. Mein Fokus liegt auf Balltreffen und Ziel. Das wars. Beim Golf ist das anders. Die offizielle Empfehlung der Golfregeln (Regel 5.6b) besagt, dass ein Schlag innerhalb von 40 Sekunden ausgeführt werden sollte. Eine Ewigkeit, in der meine Gedanken sonst wo hin wandern können. Und im Treffmoment sind sie dann nicht da wo sie sein sollten: Beim Ball.
Das eigentliche Problem: Beides gleichzeitig funktioniert nicht
Natürlich braucht man auf dem Golfplatz Denken.
Man muss Distanz einschätzen, Wind berücksichtigen, Lage bewerten, Schläger wählen, Risiko einordnen, Ziel festlegen. Wer einfach irgendwohin haut und auf spirituelle Unterstützung hofft, wird auf Dauer keine stabile Beziehung zu seinem Score entwickeln.
Aber genauso klar ist: In dem Moment, in dem man am Ball steht, wird zu viel Denken schnell toxisch.
Wenn ich anfange, parallel über Griff, Schlägerblatt, Schulter, Rhythmus, Release und Treffmoment nachzudenken, ist die Wahrscheinlichkeit eher hoch, dass am Ende genau das passiert, was auf meinem Niveau ohnehin immer in Reichweite ist: irgendein Schlag, der mit meiner ursprünglichen Absicht nur noch lose bekannt ist.
Genau da wird das Modell von Daniel Kahnemann interessant. Denn wahrscheinlich ist nicht Denken das Problem. Sondern das falsche Denken zur falschen Zeit.
Thinking Box und Execute Box: Klingt ein bisschen nach Flughafen, ist aber ziemlich schlau
Pia Nilsson und Lynn Marriott haben daraus ein Golfmodell gemacht, das ich ziemlich einleuchtend finde: Thinking Box und Execute Box.
Die Idee dahinter ist simpel.
In der Thinking Box wird gedacht.
Also richtig gedacht. Da darf man analysieren, abwägen, entscheiden:
- Was ist die Lage?
- Was ist hier der vernünftige Schlag?
- Wo will ich den Ball wirklich hinspielen?
- Was ist heute die Version von mutig, die nicht komplett bescheuert ist?
Wenn diese Fragen beantwortet sind, kommt der Wechsel.
Und in der Execute Box wird eben nicht mehr diskutiert.
Da geht es nicht mehr um Technikdebatten, Zweifel oder hektische Planänderungen zwei Sekunden vor dem Rückschwung. Da geht es nur noch um Zielbild, Gefühl, Rhythmus und Schlag.
Zumindest theoretisch.
Denn praktisch kennt natürlich jeder Golfer den Moment, in dem man längst beschlossen hatte, jetzt nur noch auszuführen – und dann plötzlich doch noch denkt: Vielleicht einen halben Schläger mehr? Oder Griff minimal stärker? Oder doch lieber Sicherheit nach rechts, obwohl rechts natürlich ausgerechnet der Ort ist, an dem heute garantiert Unheil wartet?
Genau da beginnt der Golf-Irrsinn
Das Problem an solchen Modellen ist ja nie, dass sie unlogisch wären. Im Gegenteil. Sie sind oft geradezu unangenehm logisch.
Das Problem ist eher: Wie kommt man da wirklich hin?
Also nicht als schöne Theorie in einem Artikel, sondern auf Bahn 14, wenn man nach zwei ordentlichen Pars plötzlich meint, jetzt vielleicht mal wieder Golf spielen zu können – und genau deshalb sofort alles verkrampft.
Aber bei dem Modell von Daniel Kahnemann stellt sich mir die Frage: Ist es nicht eine Illusion zu glauben, man könne zwischen den beiden Denkmustern wechseln? Dann müsste man ja theoretisch ein drittes Denkmuster haben, was diese Entscheidung treffen kann. Und das gibt es nicht. Sonst hätte das ja längst jeder im Griff.
Wer kennt sie nicht, die Szene: Der Golfer, der äußerlich ganz normal wirkt und vielleicht nur etwas lang über seinem Ball steht, weil er innerlich noch einen kleinen privaten Bürgerkrieg zwischen Technik, Angst und Hoffnung führt und verzweifelt versucht, sein Denkmuster zu ändern.
Vielleicht ist die Routine gar nicht das Ritual, sondern die Rettung
Genau deshalb wird die Pre-Shot-Routine von Pia Nilsson und Lynn Marriott für mich plötzlich interessanter als jeder einzelne Schwunggedanke. Hier soll man das Denkmuster durch einen wirklichen Gang von der Thinking Box in die Execution Box ändern.
Man steht neben oder hinter dem Ball. Macht sich hier alle Gedanken über seinen Schlag, seinen Schwung, seinen Griff, seinen Stand, seine Steuererklärung oder was auch immer. Aber wenn man dann an den Ball herantritt, verlässt man diesen Zustand und schlägt nur noch den Ball. Idealerweise ohne groß darüber nachzudenken. Instinktiv. Wie beim Fußball oder Tennis.
Das wird nicht auf Anhieb funktionieren. Aber zieht man die Routine lange genug durch, konditioniert man sich hoffentlich so sehr, dass der Wechsel des Denkens automatisch passiert..
Sprich: Die Pre-Shot-Routine ist kein hübsches Golf-Accessoire. Kein Profi-Anstrich für ambitionierte Hobbygolfer. Sondern dient als echte Trennung zwischen zwei Zuständen.
Erst denken. Dann entscheiden. Thinking Box verlassen. Dann an den Ball. Blick zum Ziel. Atmen. Schlagen. Beckerfaust.
Wenn das sauber getrennt ist, muss ich vielleicht gar nicht jedes Mal neu philosophisch klären, ob ich jetzt schnell, langsam oder gar nicht denken soll. Dann klärt die Struktur der Routine das für mich.
Und ehrlich gesagt klingt genau das für mich ziemlich attraktiv. Allein deshalb, weil mein jetziger Ansatz eher so aussieht, als würde ich direkt aus der Thinking Box schlagen. Mit dem ganzen Ballast aller Gedanken.
Kann das mein Golf retten?
Jetzt kommt natürlich die eigentlich wichtige Frage: Kann mich das aus meiner sehr soliden 85-bis-95-Komfortzone befreien?
Vielleicht.
Mit Sicherheit aber eher als der 47. halbverstandene Technikgedanke, den ich mir fünf Minuten vorher noch irgendwo aus einem Video gezogen habe.
Natürlich werden Thinking Box und Execute Box aus mir nicht plötzlich einen Zen-Golf-Meister mit einstelligen Super-Scores machen.
Dafür ist Golf zu gemein. Und dafür bin ich vermutlich auch zu lange schon ich selbst.
Aber ich glaube schon, dass so ein Modell helfen kann,
- vor dem Schlag klarer zu werden
- Entscheidungen wirklich zu treffen
- am Ball nicht weiterzuverhandeln
- technische Gedanken aus der Ausführung rauszuhalten
- und dem Kopf wenigstens eine kleine Chance zu geben, sich nicht ständig selbst ins Bein zu schießen
In all den Jahren konnte ich mich nie mit einer Pre-Shot-Routine anfreunden. Ich hab den Sinn dahinter nie wirklich gesehen. Die Idee mit den Boxen und der Konditionierung ist da schon etwas überzeugender. Das wäre ja schon etwas.
Oder ist am Ende sowieso alles egal?
Natürlich gibt es immer die dunkle Golf-Vermutung, dass man am Ende doch nur neue Begriffe für ein altes Problem sammelt.
Also dass man statt „Ich habe zu viel nachgedacht“ künftig sagt: „Ich war nicht sauber genug in der Execute Box“, und sich damit nur etwas internationaler erklärt, warum der Ball wieder nicht das getan hat, was man sich innerlich mit großer Ernsthaftigkeit ausgemalt hatte.
Ganz ausschließen würde ich das nicht.
Golf ist schließlich der einzige Sport, in dem man mit wachsender Erfahrung oft nur präziser benennen kann, warum man gerade gescheitert ist.
Aber selbst das wäre mir fast noch lieber, als weiter komplett ungeordnet zwischen Analyse, Aktionismus und Misstrauen herumzuhängen.
Zu gutem Golf gehört nämlich auch, dass man im richtigen Moment denkt – und im entscheidenden Moment eben nicht mehr.
Fazit
Vielleicht ist genau das eine der nützlichsten Fragen im Golf:
Wann muss ich denken – und wann muss ich endlich damit aufhören?
Kahnemans schnelles und langsames Denken, übertragen auf Golf, ist für mich deshalb keine akademische Spielerei, sondern ein ziemlich praktischer Denkanstoß.
Nicht weil ich glaube, damit sei mein Golf plötzlich gerettet.
Aber weil ich schon den leisen Verdacht habe, dass es meinem Spiel helfen könnte, wenn ich nicht ausgerechnet in dem Moment noch alles kontrollieren will, in dem ich eigentlich nur noch schlagen sollte.
Und wenn das am Ende dazu führt, dass mein Score nicht mehr mit der Beharrlichkeit von Granit zwischen 85 und 95 wohnt, sondern sich gelegentlich etwas freier bewegt – dann wäre das ja schon fast verdächtig viel Fortschritt.


